Brückenschlag über 1 000 Jahre
Die Sieben ist eine ganz besondere Zahl, nicht nur in der Mathematik. Sie bestimmt die Dauer der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte, wie sie überhaupt in religiöser Hinsicht für das Christentum als Verbindung göttlicher Trinität mit irdischer Vierheit gedeutet wird; auch das Vaterunser besteht aus sieben Bitten, um nur wenige Beispiele dieser Konnotation zu nennen. – Sieben Wochen nach Ostern wird das Pfingsfest gefeiert, das Fest zur Ankunft des Heiligen Geistes. Dieser Zeitspanne war jetzt ein Chorkonzert in der Johanniskirche gewidmet. Das Ensemble „Chorioso“, vor bald vier Jahren von Matthias von Schierstaedt gegründet und seither geleitet, präsentierte ein sorgsam konzipiertes Programm, das einen weiten Bogen von der Gregorianik zur Moderne spannte.Schon das Karfreitags-Antiphon „Crucem tuam adoramus, Domine“, vom Vorraum der Kirche her dargebracht, war Ausweis einer in kontinuierlicher Arbeit erworbenen Sing- und Klangkultur, die mit natürlicher Musizierfreude und ungezwungener Präzision überzeugt. Eine besondere Darbietung erfüllte sich mit einer Vertonung der ersten deutschen Bußpredigt, des frühmittelhochdeutschen „Memento mori“ des Benediktiners Noker von Zwiefalten. Jonas Müthing, Mitglied des Ensembles, hat den um 1070 entstandenen, nach Sprachrhythmik und Thematik einigermaßen sprunghaften Text zwischen erweiterter Tonalität und atonalem Klangkonzept vertont. Polyfon verschlungene Passagen wechseln mit solchen im Unisono, hie und da erheben sich Soli aus dem Chorklang, die einzelnen Strophen enden zumeist in mahnender Verstärkung – eine anspruchsvolle Aufgabe, die das Ensemble unter von Schierstaedts präziser Leitung eindrucksvoll meisterte. Gregorianische Ostersequenzen („Victimae paschali laudes“) wurden mit modern empfundener „Gregorianik“ in Nachbarschaft gestellt, etwa mit „The Lord to me a Shepherd is“ von Jean Berger (1909 bis 2002), mit dem feierlich-emphatischen „Cantate Domino“ von John Rutter (geboren 1945) oder mit Teilen aus der Pfingst-Motette „The Day of Pentecost“ des langjährigen Augsburger Chorleiters Leland Sateren (1913 bis 2007). Mit „Sleep“ des Amerikaners Eric Whitacre (geb. 1970) nach einem Text von Charles Anthony Silvestri (geb. 1965) gelang, gleich einem Echo auf das „Memento mori“, ein Schlaflied besonderer Art.
Mit dem Ensemble „Chorioso“ hat sich eine junge Singvereinigung etabliert, die mit ihrer sehr ansprechenden Singkultur und konzeptionellen Gestaltungskraft den Chorgesang nicht nur in dieser Stadt in vorzüglicher Weise bereichert.
Badische Neueste Nachrichten, Claus-Dieter Hanauer, 24.5.2011
Programm: Veni creator spiritus